„Erkennt man dieses Muster bei sich, sollte man sich eine Frage stellen“

Wenn im Job plötzlich die Tränen kommen, wird es für alle Beteiligten schnell unangenehm. Doch dahinter steckt oft mehr als ein schwacher Moment. Eine Expertin erklärt, wie man seine Emotionen kontrolliert – und wann man damit anfangen sollte.

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Nicht immer warten die Tränen, bis wir aufs Klo oder an einen anderen sicheren Ort geflüchtet sind. Ob Konflikte im Job oder private Probleme: Manchmal müssen wir weinen, obwohl uns gerade die Chefin oder der wichtige Kunde gegenübersitzen.

Kaum sind die Tränen getrocknet, dreht sich dann das Gedankenkarussell. Wie unangenehm, wie peinlich, wie unprofessionell! Und jetzt?

Die Ärztin und Therapeutin Mirriam Prieß rät, einen Schritt zurückzutreten und liebevoll zu sich selbst zu sein. „Also sich selbst zu sagen: Ich musste jetzt weinen und verurteile mich dafür nicht. Stattdessen nehme ich das zur Kenntnis und frage mich: Was war da eigentlich los?“

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Ganz nüchtern betrachtet, sind Tränen ein Ausdruck dafür, dass etwas in uns nicht in Balance ist. Wer ihre Botschaft entschlüsselt hat, kann im nächsten Schritt Konsequenzen ziehen.

Ein Zeichen von Überforderung

Manchmal reicht die Frage „Kannst du später noch XY erledigen?“ – und schon passiert es: Das Fass läuft über – und damit quasi auch unsere Augen. „Es kann also sein, dass man sich in die Ecke gedrängt fühlt und die Tränen ein Ausdruck von Überforderung sind“, sagt Prieß.

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Meist gibt es eine Vorgeschichte, manchmal auch eine ganz schön lange. Zu viele Projekte auf dem Tisch, schwelende Konflikte im Team, fehlende Wertschätzung, obwohl man Tag für Tag alles gibt.

Gut, wenn man die Ursachen hinter der Überforderung analysiert. Das ist nämlich die Grundlage, um aktiv zu werden – und etwa das Gespräch mit dem oder der Vorgesetzten zu suchen, um Entlastung zu erbitten.

Womöglich steckt Wut dahinter

Hinter Tränen kann aber auch Wut stecken, weil wir womöglich nie gelernt haben, für uns einzustehen. „Gerade Frauen fällt es oft schwer, die eigene Position in aller Klarheit zu vertreten“, sagt Prieß. Statt ein bestimmtes „Das passt mir nicht“ auszusprechen, schießen uns dann Tränen in die Augen – oft auch in der unbewussten Hoffnung, dass das Gegenüber dadurch klein beigibt.

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„Wenn man dieses Muster bei sich selbst erkennt, sollte man sich eine Frage stellen: Will ich so weitermachen?“, sagt Prieß. Denn an dem Muster kann man arbeiten – etwa in Gesprächen oder gar Rollenspielen mit Freunden. Führt das nicht weiter, können der Ärztin zufolge schon wenige Therapiestunden dabei helfen, die eigenen Interessen und Bedürfnisse besser zu vertreten.

Auch Probleme im Privaten können der Auslöser sein

Manchmal fließen aber auch die Tränen, weil sich im Privaten gerade ein Schatten aufs eigene Leben gelegt hat – etwa in Form von Liebeskummer, einer Erkrankung oder einem Verlust im Umfeld. Die Emotionen, die damit verbunden sind, schwappen dann in den Job über.

„Dann ist das Weinen einfach ein Ausdruck eines erschütterten Menschen in diesem Moment“, sagt Prieß. Und damit eine ganz normale Reaktion. Dann sollte man, so rät die Expertin, ehrlich für sich prüfen, ob man in diesem Zustand seiner Arbeit überhaupt nachgehen kann – oder ob eine Auszeit notwendig ist.

Bleibt die Frage: Sollte man die Tränen später noch einmal ansprechen – oder es lieber lassen? Das ist eine individuelle Entscheidung. Allerdings: „Manchmal hilft eine kurze gemeinsame Aussprache, in der Sie Ihre Tränen auf Augenhöhe kurz einordnen. Da genügen ein, zwei Sätze“, sagt Prieß.

So übernimmt man Verantwortung – und das Umfeld weiß, woran es ist. „Und sollte Ihr Umfeld mit ein Grund für die Tränen sein, ist Ihre Einordnung die gleichzeitige Aufforderung zu einem Dialog auf Augenhöhe, um die Situation zu bereinigen.“

dpa/vem

Source – WELT De