Trotz Zollstreit und China-Flaute – Deutsche Exporte legen kräftig zu
Die deutschen Exporte steigen trotz schwacher Geschäfte in den USA und China deutlich. Neue Absatzmärkte in Europa, KI-Investitionen und Großaufträge treiben die Industrie an und werden zum überraschenden Wachstumsmotor.
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Deutschland erlebt einen überraschenden Exportboom. Starke Ausfuhren der Industrie schieben das Wirtschaftswachstum erstmals seit Jahren wieder Richtung ein Prozent – trotz spürbarer Einbußen im Handel mit den USA und China.
Gerade erst meldete das Statistische Bundesamt für das zweite Quartal ein BIP-Wachstum von 0,3 Prozent. Die deutsche Wirtschaft wächst damit aktuell mit Jahresraten von über einem Prozent.
Dieser Anstieg gehe „vor allem auf die gute Exportentwicklung zurück“, erklärte Destatis-Präsidentin Ruth Brand. „Maßgeblich für das Wachstum“ sei der wachsende Außenhandel, kommentierte auch Wirtschaftsministerin Katherina Reiche. Was steckt dahinter?
„Die aktuellen Exportzahlen sind eine gute Nachricht“
In Zahlen: Im ersten Halbjahr 2026 stieg der Wert der deutschen Exporte im Jahresvergleich um satte 3,9 Prozent – oder zusätzliche 31 Milliarden Euro.
„Die aktuellen Exportzahlen sind eine gute Nachricht“, sagte der Präsident des Außenhandelsverbands BGA, Dirk Jandura, zum Pro-Newsletter „Industrie & Handel“ des Nachrichtenmagazins „Politico“. „Für eine nachhaltige Trendwende sei es aber noch zu früh.“ Das Exportplus liege auch an Großaufträgen, staatlich angestoßenen Investitionen, neuen Impulsen aus Digitalisierung und künstlicher Intelligenz.
Vieles spricht dennoch dafür, dass dieser Exportboom keine Eintagsfliege ist. Das Ifo-Institut ermittelte in seiner Umfrage bei Exporteuren im August den stärksten Anstieg der Exporterwartungen seit über sechs Jahren. Der Index drehte von minus 2,8 auf plus 9,6 Punkte. „Die Exportwirtschaft nimmt Fahrt auf“, folgert Ifo-Forscher Klaus Wohlrabe.
Für die Konjunkturaussichten hat das besonderen Wert: Bisher führten Volkswirte die jüngste Belebung vor allem auf die massiven schuldenfinanzierten Staatsausgaben für Infrastruktur und Rüstung zurück. Nun schieben die Exporte zusätzlich an.
Tektonische Verschiebungen
Dahinter stehen zwei große Verschiebungen, sowohl bei den Exportmärkten als auch bei den Produkten.
Die USA sind zwar auch 2026 wichtigster Exportmarkt für deutsche Firmen. Doch die US-Zölle drückten die deutschen Ausfuhren um 6,1 Prozent. In China ging es mit 12,2 Prozent sogar doppelt so schnell nach unten.
Insgesamt schrumpfte der Wert der deutschen Exporte in die USA und nach China im ersten Halbjahr um zehn Milliarden. Doch allein nach Mittel- und Osteuropa legten die Ausfuhren um elf Milliarden zu. Zudem liegen die Exporte nach Frankreich mit 7,6 Prozent im Plus, in die Niederlande sogar um neun Prozent.
Bei den Produkten verloren die wichtigsten Exportbranchen: Die Automobilindustrie exportierte 5,8 Prozent weniger, der Maschinenbau knapp ein Prozent. Dagegen wuchs die Ausfuhr von Elektronik, Optik und Datentechnik um 9,5 Prozent. Und sogar die bedrängte Chemie exportierte wieder 1,4 Prozent mehr.
Die Ifo-Umfrage bestätigt den Trend. In den genannten Branchen sind auch die Erwartungen besonders optimistisch. Die deutsche Industrie profitiere von Investitionen in Künstliche Intelligenz, folgern die Ökonomen. Doch auch die Autoindustrie blicke nun „deutlich optimistischer auf ihre Exportaussichten“.
Auffallend ist, dass das deutsche Exportplus in Europa weit über dem Wirtschaftswachstum in den Zielmärkten liegt. Gewinnt die deutsche Industrie Marktanteile? Trotz des China-Schocks?
„Unsere Unternehmen beweisen erneut ihre hohe Anpassungsfähigkeit“, sagt dazu Jandura. „Sie erschließen neue Märkte, diversifizieren ihre Absatzwege und reagieren flexibel auf geopolitische und wirtschaftliche Veränderungen.“
Drei Hebel für mehr Exporte
Bemerkenswert sei, dass die Exporte trotz schwacher Nachfrage aus den USA und China wachsen. „Europa bleibt der mit Abstand wichtigste Stabilitätsanker“, sagt Jandura. Die Politik müsse jetzt mehr für den Binnenmarkt tun.
Das sieht auch die Wirtschaftsministerin so: Die Exporte zeigten, „wie viel Potenzial in einem Binnenmarkt steckt, den wir nun endlich weiter vertiefen müssen“, forderte Reiche diese Woche. Hindernisse im Handel in der EU wolle sie „nicht weiter hinnehmen“. Ihre Wirkung entspreche laut der Europäischen Zentralbank bei Waren Zöllen von 67 Prozent, bei Dienstleistungen sogar von annähernd 100 Prozent.
Zweiter Hebel: „Die Zahlen sind ein starkes Argument für neue EU-Handelsabkommen“, sagt Jandura. „Wenn deutsche Unternehmen Rückgänge in einzelnen Märkten bereits heute durch andere Absatzmärkte teilweise ausgleichen können, dann stärken ein verbesserter Marktzugang sowie der Abbau von Zöllen und Handelshemmnissen diese Fähigkeit zusätzlich.“
Dritter Hebel Osteuropa: „Wir sollten nicht nur auf China, die USA oder Mercosur schauen, sondern ebenso auf die Wachstumsmärkte vor unserer Haustür“, sagt Michael Harms, der Geschäftsführer des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft, zu „Politico“.
In den EU-Ländern der Region wie Polen, Tschechien, Ungarn und Rumänien treffe eine robuste Binnennachfrage, der Modernisierungsbedarf und EU-finanzierte Investitionen auf eine enge wirtschaftliche und industrielle Verflechtung mit Deutschland. Die deutsche Wirtschaft besitzt dafür ein passgenaues Lieferprofil. „Der EU-Binnenmarkt ist unser Heimatmarkt und muss konsequent vollendet und weiter vertieft werden“, fordert Harms.
In Osteuropa sei aber noch viel mehr möglich. „Es geht jetzt darum, den EU-Beitrittsprozess der Länder des westlichen Balkans, der Ukraine und Moldaus voranzutreiben“, so Harms. Deutschland und die EU müssten sich zudem enger mit Zentralasien und dem Südkaukasus vernetzen. „Indien und Mercosur sind wichtig, aber die Zukunft der deutschen Wirtschaft liegt eben auch in unserer östlichen Nachbarschaft.“
Romanus Otte ist Senior Reporter bei POLITICO Deutschland. Den Newsletter „Industrie und Handel“ können Sie hier abonnieren.
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Source – WELT De

