Sehen Sie hier erstmals das erste Tor der Bundesliga-Geschichte
Als die Bundesliga vor 63 Jahren ihren Premieren-Spieltag erlebte, wartete Fußball-Deutschland auf den ersten Treffer. Der fiel bereits nach 58 Sekunden. Bildmaterial gab es davon bisher nicht. Doch diese Lücke ist nun geschlossen.
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Der geschichtsträchtige Moment wurde von einer grandiosen Fehlkalkulation begleitet. Der 24. August 1963, 16 Teams, acht Partien am Samstag. Anpfiff war um 17 Uhr. Endlich hatte auch Deutschland als letztes Land in Europa seine zentrale Liga. „Wenn es nicht den sportlichen Regeln widerspräche, möchte man die Spieler mit Sekt taufen“, schrieb WELT damals voller Vorfreude.
Doch als die neue eingleisige Bundesliga ihre Premiere hatte und das erste Tor in die Geschichte eingehen sollte, hatten sich alle fünf Fotografen erst einmal falsch postiert. Schauplatz war Bremen, sie hatten sich allesamt hinter dem Tor von Borussia Dortmund aufgebaut. Weil Schiedsrichter Alfred Ott das Duell etwas zu früh anpfiff, war auch der einzige Fernseh-Kameramann noch nicht auf seinem Posten.
Unterm Strich: blöd gelaufen. Denn bereits nach 58 Sekunden traf der Dortmunder Timo Konietzka (†73) gegen Werder. „Der Ball kam nach links auf Lothar Emmerich. Emma lief bis zur Grundlinie und flankte zur Mitte. Ich stand etwa zehn Meter vom Tor entfernt und brauchte nur noch den Fuß hinzuhalten“, gab der Dortmunder Stürmer später zu Protokoll. Allein Fotos gab es von dem Tor nicht, auch keine TV‑Bilder. Nur die Erinnerung daran. Bis jetzt.
„Ein Stück deutsche Fußballgeschichte wird erlebbar“
Pünktlich zum Start der neuen Bundesliga-Saison macht Künstliche Intelligenz den bisher nur von ein paar Tausend Zuschauern im Stadion gesehenen Moment der Fußball-Historie erlebbar. Der Telekommunikationskonzern Vodafone und der BVB haben Konietzkas Tor technologisch neu erschaffen.
„Gemeinsam mit Borussia Dortmund haben wir Zeitzeugen befragt, Medienberichte von damals ausgewertet und unterschiedlichste Datenpunkte erfasst. Unsere KI-Experten haben die Momente von damals mit all diesen Daten und der Hilfe von mehreren KI-Modellen realitätsgetreu rekonstruiert. Nach 63 Jahren macht Künstliche Intelligenz ein Stück deutsche Fußballgeschichte erlebbar“, sagte Vodafone-Deutschland-CEO Marcel de Groot.
Unter anderem sind diese Daten in den Entstehungsprozess mehrerer KI‑Modelle eingeflossen:
- IT-Fachleute erstellten aus den Aufzeichnungen anderer Spiele jener Zeit von BVB und Werder Bremen Bewegungsmodelle und bestimmten so Spielidee und Verhalten der Protagonisten in vergleichbaren Spielsituationen.
- Mit der U19-Mannschaft des BVB wurde das Tor samt vorangegangener Spielsituation mit einem Spielball aus der damaligen Zeit nachgestellt.
- In Zusammenarbeit mit Fanexperten wurde die Stadionatmosphäre von 1963 nachgebaut.
- Mit mehreren Wettermodellen wurden wahrheitsgetreue Gegebenheiten vom ersten Bundesliga-Spieltag abgeleitet.
- Teams von Vodafone und dem BVB analysierten Archivmaterial und sprachen mit Zeitzeugen wie Konietzkas Bruder Günther Konietzka oder Eugen Kraas (Vorsitzender des größten BVB-Fanklubs „Oeventrop-Freienohl“), um die persönlichen Erinnerungen in die Nachstellung dieses Bundesliga-Meilensteins einfließen zu lassen.
Konietzka hatte später sogar eine Belohnung angeboten, sollte jemand doch im großen Moment abgedrückt haben. Ausgelobt wurden 1000 Mark, allerdings ohne Erfolg. Lediglich ein Schwarz-Weiß-Bild, das ihn nach dem Torerfolg mit hochgerissenen Armen beim Jubel zeigt, gibt es.
„Ich hatte das große Glück, am 24. August 1963 in Bremen vor Ort zu sein. Der Schiedsrichter Ott hat genau um 16:59 Uhr angepfiffen. Alle saßen gut gelaunt hinter dem BVB-Tor, aber alles kam anders als erwartet: Borussia Dortmund schoss das erste Tor“, erinnerte sich Zeitzeuge Gerd Kolbe, ehemaliger BVB-Pressesprecher und heute Chefhistoriker der Borussia: „Dass kein einziges Fotodokument des Tores entstand, ist aus der heutigen Sicht absolut unvorstellbar. Ich freue mich unheimlich, dass es der BVB und Vodafone geschafft haben, diese Inszenierung zu realisieren. Damit schließt sich eine historische Lücke der deutschen Fußballgeschichte.“
Konietzkas Treffer half den Dortmundern am Ende zwar nicht. Werder gewann 3:2. „Aber dieses Tor hat mein Leben geprägt“, erzählte er später. „Ich habe in meiner Karriere viel schönere Tore geschossen, aber dieses in Bremen hat mir am meisten genutzt.“
Der ehemalige Bergarbeiter im Steinkohlenbergbau der Zeche „Victoria“ spielte von 1958 bis 1965 bei Borussia Dortmund. Er wechselte dann zu 1860 München. Mit dem Klub wurde er 1966 Deutscher Meister, ehe es ihn 1967 in die Schweiz – seinen späteren Lebensmittelpunkt – zunächst zum FC Winterthur zog.
Wegen eines unheilbaren Gallengangskarzinoms setzte Konietzka am 12. März 2012 mithilfe einer Schweizer Sterbehilfeorganisation seinem Leben ein Ende.
pk
Source – WELT De

