„Viele machen sich Sorgen – werde ich bald abgeschoben?“ – Migranten streiken in Magdeburg

Mit geschlossenen Dönerläden, Gemüsemärkten und Barber-Shops wollen Migranten in Magdeburg ein Zeichen gegen Rassismus und die AfD setzen. Viele fürchten eine politische Wende nach der Landtagswahl.

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Wer an diesem Mittwoch in Magdeburg vom Hauptbahnhof Richtung Innenstadt geht, merkt erst einmal nichts vom Migra-Streik. Migrantische Gewerbetreibende haben dazu aufgerufen, die Läden an diesem Tag von 10 bis 15 Uhr zu schließen, um ein Zeichen gegen Rassismus und Ausgrenzung zu setzen – und aus Sorge vor einer möglichen AfD-Regierung nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September.

In den beiden großen Einkaufscentern läuft der Betrieb ganz normal. In einem Kebab-Restaurant erklärt der Inhaber, der nicht namentlich genannt werden will, warum: „Aufgrund der Verträge mit dem Center-Management können wir unseren Laden nicht einfach schließen. Aber unser zweiter Laden, ein paar Straßen weiter, ist zu.“

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Der Streik sei eine wichtige Sache: „Viele machen sich Sorgen – werde ich bald abgeschoben? Aber wenn man uns alle nach Hause schickt – dann würde hier nichts mehr funktionieren“, sagt der Mann. Er stamme aus der Türkei, habe sieben Kinder, alle in Deutschland geboren. Sein Bruder habe vor 30 Jahren in Magdeburg den ersten Döner-Laden eröffnet.

Am Hasselbachplatz sieht es schon anders aus: Viele Döner- und Gemüseläden oder Barber-Shops sind geschlossen und haben rote Plakate im Schaufenster. Darauf informieren sie ihre Kunden, dass sie mit dem Streik gegen Rassismus und Faschismus protestieren: „Wir schließen heute unsere Läden, damit sich morgen nicht die Türen zu einer freien und demokratischen Gesellschaft schließen.“ Nach Angaben der Organisatoren beteiligen sich über 160 Gewerbetreibende am Migra-Streik, mit und ohne migrantische Wurzeln.

Vor dem Landtag haben sie am Mittag eine Kundgebung organisiert. Nach Schätzungen der Polizei haben sich 220 Menschen auf dem Domplatz versammelt. Auch Samet Kabisu ist dort, einer der wenigen, der seinen Namen den zahlreichen angereisten Pressevertretern nennt. Er sei Großhändler. „Viele hier haben Angst – vor Angriffen. Viele trauen sich deshalb vielleicht auch nicht, ihre Läden zu schließen, um nicht zur Zielscheibe zu werden.“ Er beobachte zunehmendes Misstrauen: „Früher haben Nachbarn – Migranten und Nicht-Migranten – einfach miteinander gefeiert. Heute passiert das immer seltener.“

Der Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt gehört zu den Unterstützern der Aktion. Pressesprecher Saaeid Saaeid sagt: „Wir erleben eine politische und gesellschaftliche Entwicklung, die Migration immer stärker als Problem darstellt.“ Seit dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt 2024 sei das Klima „angespannt und vergiftet“. Forderungen nach massenhaften Abschiebungen und Verdrängung von Menschen mit Migrationsgeschichte „werden fast normal“, sagt Saaeid.

Am 20. Dezember 2024 war Taleb Al-Abdulmohsen aus Saudi-Arabien mit einem mehr als zwei Tonnen schweren und 340 PS starken Mietwagen mit bis zu 48 Kilometern pro Stunde über den belebten Weihnachtsmarkt gerast. Ein Neunjähriger und fünf Frauen starben, Hunderte Menschen wurden teils schwer verletzt.

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Bei der Kundgebung ergreift Dilek Toy, Mitorganisatorin des Streiks, das Wort: „Sind wir Migranten verantwortlich für die hohen Lebenshaltungskosten? Die gestiegenen Spritpreise? Den Einbruch der deutschen Exportwirtschaft? Die Inflation?“ Die AfD versuche, die Migranten zu Sündenböcken zu machen. Diese Politik schade allen: „Wir machen diesen Migrantenstreik für die gesamte Bevölkerung!“

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Die AfD fordert in ihrem Programm zur Landtagswahl unter anderem eine „migrationspolitische Kehrtwende um 180 Grad“ und eine „Abschiebe- und Remigrationsoffensive“. Die Partei liegt in Umfragen bei 41 Prozent. Dass der gesichert rechtsextreme AfD-Landesverband künftig in Sachsen-Anhalt regiert, ist eine realistische Möglichkeit.

Mit dem Migra-Streik soll auch noch ein anderes Zeichen gesetzt werden, sagt Saaeid: „Dass Menschen mit Migrationsgeschichte zur Gesellschaft gehören und ein unverzichtbarer Teil davon sind.“ Man wolle nicht ständig das Gefühl haben, dass die Zugehörigkeit von Herkunft, Pass oder dem eigenen wirtschaftlichen Nutzen abhängig sei.

KNA/nw

Source – WELT De