Klopp ist die beste Lösung – nur darauf kommt es an
Jürgen Klopp wird neuer Bundestrainer – auch wenn dies nicht allen gefällt. Viele kritisieren, er sei zu teuer. Andere verzeihen ihm sein Engagement für Red Bull nicht. All das ist nebensächlich. Es kommt nur auf eines an.
Mal angenommen, diese WM würde nochmals gespielt werden – von Anfang an. Wäre es dann sicher, dass Deutschland das Sechzehntelfinale überstehen würde? Mit einem Bundestrainer Jürgen Klopp, mit dem so viel Hoffnung auf eine bessere Zukunft für den deutschen Fußball verknüpft ist?
Nein, sicher wäre das nicht. Auch Klopp ist, selbst wenn es sich viele wünschen, kein Messias. Er hätte sich keine besseren Spieler backen können. Er hätte auch neuralgische Positionen nicht durch Transfers besser besetzen können – oder wie ein Vereinstrainer Spieler durch stetiges, tägliches Training besser machen können.
Doch die Wahrscheinlichkeit wäre hoch gewesen, dass einige Fehler, die Nagelsmann und den Menschen um ihn herum unterlaufen sind, verhindert worden wären.
Klopp hätte wohl dafür gesorgt, dass sich eine Mannschaft schon Monate vor Turnierbeginn hätte einspielen können. Er hätte auf Experimente verzichtet und versucht, eine möglichst kompakte Einheit zu formen. In dem Bewusstsein, dass Deutschland weit von der Weltspitze entfernt ist, wäre er niemals auf die wahnwitzige Idee gekommen, zu glauben, fußballerische Maßstäbe setzen zu können.
Das sind klare Indizien, die dafür sprechen, dass Klopp tatsächlich ein sehr erfolgreicher Bundestrainer werden kann. Der Deutschen Fußball-Bund (DFB) hat an diesem Wochenende eine grundsätzliche Einigung mit Klopp erzielt, er soll einen Vertrag bis 2030 erhalten.
Dabei geht es weniger um sein Charisma und seine kommunikativen Fähigkeiten. Die sind auch wichtig, keine Frage. Gerade für den DFB können sie sogar besonders hilfreich sein. Schließlich wurde in der vergangenen Dekade kaum ein Fettnäpfchen ausgelassen: die quälend lange und dann doch ergebnislose Aufarbeitung der desaströsen WM 2018 in Russland. Die krampfhaften Versuche, 2022 in Katar politische Botschaften auszusenden, in die man sich von PR-Beratern und geltungsbedürftigen Politikern treiben ließ. Und zuletzt der – um es vorsichtig auszudrücken – etwas irritierende Eindruck, der durch das gesellige Beisammensein mit Kind und Kegel im Teamquartier von Winston-Salem vermittelt worden war. Schwer vorstellbar, dass es so etwas mit einem Bundestrainer Klopp gegeben hätte.
Jürgen Klopp passt in dieser Situation perfekt
Doch es geht um etwas anderes. Es ist der fußballerische Ansatz, den Klopp verfolgt. Er hat in Mainz, in Dortmund und in Liverpool stets eine extrem pragmatische Linie gehabt. Er hat, so unterschiedlich diese drei Mannschaften in ihren Möglichkeiten auch waren, nie etwas spielen lassen, was seine Spieler überfordert hätte – nie. Klopp ist kein Taktik-Guru, der glaubt, es besser als seine Spieler zu wissen. Er ändert nicht permanent das System – und er würde sich lieber den Arm abhacken, als Joshua Kimmich, den einen einzigen Führungsspieler, auf eine Außenposition abzuschieben und ihm so sein Selbstvertrauen zu rauben.
Soweit zu den wichtigsten Voraussetzungen, die Klopp mitbringt. Sie passen perfekt – vor allem in der aktuell sehr schwierigen Situation, die von Verunsicherung und Selbstzweifeln geprägt ist.
Klopp wird aber auch perspektivisch ein Gewinn sein. Seine Expertise wird im Hinblick auf die dringend nötige Restrukturierung der Nachwuchsarbeit hilfreich sein.
Was nicht vergessen werden sollte: Klopp hat knapp neun Jahre beim FC Liverpool gearbeitet. Er war dort nicht nur Trainer, sondern auch Manager. Er hat gelernt, in gesamtheitlichen Strukturen zu denken und Aufgaben zu delegieren. Auch das braucht der DFB.
Dass es trotzdem auch Kritik gibt, ist normal. Klopp ist für einen Verband, der auch dem Amateur- und Breitensport verpflichtet ist, sehr kostspielig. Und auch die vertraglichen Verpflichtungen, die er mit Red Bull eingegangen war, werden ihn nicht gerade günstiger gemacht haben.
Allerdings: Der DFB hätte sehr viel Geld sparen können, wenn die Vertragsverlängerung mit Julian Nagelsmann anders gestaltet worden wäre.
Und an die Adresse derer, die Klopp nicht mehr mögen, weil er für Red Bull tätig war oder weil ihnen seine inflationären Werbeaktivitäten auf die Nerven gehen: Darauf wird es, so nachvollziehbar es auch sein mag, nicht ankommen.
Er ist ein sehr guter Trainer – und der bestmögliche Bundestrainer. Nur das zählt.
Oliver Müller ist seit Jahrzehnten Sportjournalist. Er berichtet für WELT regelmäßig über Themen aus dem Fußball und ist zudem Podcaster. Müller kennt Klopp seit vielen Jahren und führte zahlreiche Interviews mit ihm.
Source – WELT De

