Shooting Stars im Himmel über St. Pauli
Das Reeperbahn Festival bot seinen 45.000 Besuchern mit 540 Konzerten, die meisten von jungen Talenten, vier tolle Tage voller Entdeckungen und Überraschungen in den Clubs und Bühnen rund um den Spielbudenplatz und auf dem Heiligengeistfeld.
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Der Indie-Rock von Lime Garden kann süchtig machen. Daher platze das Docks nicht von ungefähr aus allen Nähten, als die vier Musikerinnen aus Brighton ihren zweiten großen Auftritt beim Reeperbahn Festival nach 2022 hinlegten. Damals zählte das selbstbewusste Quartett zu den Nominierten für den begehrten Nachwuchspreis Anchor – und gewann ihn nicht. Aber, wie so oft in der Geschichte des Preises, zeigt sich, dass viele Nominierte auch ohne ihn bestens Karriere machen. Die Band, die sich bereits 2017 gründete, hat sich in den vergangenen vier Jahren weiter professionalisiert, mittlerweile zwei Studioalben und zwölf Singles veröffentlicht. Die Stimmung im Docks auf der Bühne war blendend, davor wurde getanzt. Sängerin Chloe Howard verzauberte mit ihrer starken Stimme, die bei den Sprüngen durch die Oktaven auch mal rauher wird, kippt und scheinbar wegbricht, nur um mindestens ebenso kräftig aufzuerstehen.
540 Konzerte von Künstlern aus 44 Ländern
Das Konzert von Lime Garden im Docks am Freitag war nur eines von 540 Konzerten und von Künstlern aus 44 Ländern in vier Tagen. Das Reeperbahn Festival endete in der Nacht zum heutigen Sonntag und kann auf ein zufriedenstellendes Ergebnis zurückblicken. Die Besucherzahl liegt wie in den beiden vergangenen Jahren stabil bei rund 45.000.
Ergänzt wurde das Musikprogramm durch das Arts & Word-Programm mit rund 30 Veranstaltungen, darunter Lesungen, Live-Podcasts, Kunstausstellungen und geführte Touren. Ebenso hoch wie die Zahl der Festivalbesucher war die Zahl der Gäste im frei zugänglichen Festival Village auf dem Heiligengeistfeld, wo bei meist regenfreiem Wetter Überraschungskonzerte und Newcomer begeisterten.
Jan Delay als Überraschungsgast
Die Newcomer Yung Pepp (DE) und Kayla Shyx (DE) spielten am Mittwoch. Am Donnerstag begeisterten Tanzperformances der Contemporary Dance School Hamburg sowie ein Auftritt des Hamburger „Chefstyler“ Jan Delay – gemeinsam mit seinen Delaydies – mit Live-Performances. Außerdem präsentierte das Festival Village erneut die Graphic-Poster-Ausstellung „Flatstock“ unter anderem mit fantastischen Plattencovers und Konzertplakaten, die in diesem Jahr ihr 20. Reeperbahn-Festival-Jubiläum feierte.
Das diesjährige Konferenzprogramm für die Musikbranche hielt rund 120 Programmpunkte mit etwa 420 internationalen Speakers aus 31 Nationen für die rund 5500 Fachbesucher aus 52 Nationen bereit. Auch hier war die Stimmung ausgezeichnet, die Experten entdeckten wie die Fans spannende Newcomer. Der eine oder andere darf auf einen ersten Plattenvertrag hoffen. Auch auf dem Spielbudenplatz lockte das kostenfreie Programm tausende Besucher an. Beim N-JOY Reeperbus, dem hvv Bus und der Spielbude XL begeisterten unter anderem PLUME aus München, Udo West aus Würzburg, OKASHII aus Seoul und She Her Her Hers aus Tokio mit ihren Auftritten.
Darauf achten, was die Jungen hören
Der inhaltliche Fokus von Festival und Konferenz lag in diesem Jahr auf der stärkeren Einbeziehung jüngerer Generationen, die mit ihren Ausgeh-, Hör- und Kaufentscheidungen die Musik- und Kreativwirtschaft von morgen bereits heute prägen. Daran knüpfte auch das Leitthema „Forever Legit?“ an, das unter verschiedenen Perspektiven unter die Lupe genommen wurde: Die Legitimität der Strukturen der Musikindustrie muss angesichts gesellschaftlicher, demografischer und technologischer Umbrüche immer wieder neu verhandelt werden, um zukunftsfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln.
Der diesjährige Anchor wurde von der international besetzten Jury um Songwriterin Jerry Heil aus der Ukraine, Produzentin und Songwriterin Oklou aus Frankreich, Sängerin Domiziana aus Deutschland sowie dem Produzenten Sega Bodega aus Chile besuchte am Mittwoch und Donnerstag die Konzerte der sechs Nominees Dov’è Liana aus Frankreich und Italien, Just For Fun sowie Nectar Woode aus Großbritannien, BIG WETT aus Australien, Sonic Interventions aus Deutschland und GANNA aus der Ukraine. Letztere, die aus ukrainischer Folklore moderne Popsongs macht, wurde schließlich am Freitagabend mit dem Preis geehrt. Mit dieser Auszeichnung erhielt die Ukraine als erstes Guest Country of Honour des Reeperbahn Festivals einen überraschenden weiteren Höhepunkt. In den Tagen davor präsentierte die Ukraine die Musikwirtschaft sowie zahlreiche Talente ihrer Heimat, die auch unter widrigsten Umständen enorme kreative Resilienz zeigen.
Noch mehr Talente und ein Ausblick auf 2027
Doch auch andere Länder, darunter Deutschland, bringen immer wieder spannende neue Bands hervor, die mitunter noch ganz am Anfang stehen, wenn sie beim Reeperbahn Festival auftreten. Einer der vielversprechenden Auftritte war dabei am letzten Festivalabend der Auftritt von Jule im Indra. Die Solokünstlerin spielt mittlerweile mit einem guten Schlagzeuger zusammen, mit einem Bassisten, der sich für einen Schlagzeuger hält und einem Gitarristen, der Soli offenbar verabscheut und lieber Schlagzeuger wäre. Kurzum, die Arrangements der wunderbaren Songs liegen etwa zwei Klassen unter der Qualität von Text und Melodie. Da ist mehr drin. Ohne, dass nun jede Band Lime Garden nacheifern müsste, könnte man sich ein Beispiel am Bass von Tippi Morgan, am Schlagzeug von Annabel Whittle und an der Gitarre von Leila Deeley nehmen.
Das Reeperbahn Festival 2027 wird vom 15. bis zum 18. September über die Clubbühnen rund um die Reeperbahn gehen, sollten die drohenden Budgetkürzungen abgewendet werden können, in gewohntem Umfang. Der Verkauf von Early-Bird-Tickets hat begonnen.
reeperbahnfestival.com
Source – WELT De

