„Stürme sind heute intensiver und bringen mehr Saharastaub nach Europa“

Eine intensive Färbung des Himmels ist für Forscher ein deutlicher Hinweis darauf, dass mehr Wüstenstaub in der Luft schwebt. Die feinen Partikel sind nicht nur ein lästiges Ärgernis, sondern bergen auch ein Risiko für die Gesundheit.

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An diesem Morgen sieht es aus, als hätte jemand einen gelblichen Filter über den Himmel gelegt. Die Sonne kommt nur matt durch, Autoscheiben sind von einem feinen, ockerfarbenen Film überzogen, auch auf Dächern und Fensterbänken liegt Staub.

Er kommt aus der Sahara – aufgewirbelt von starken Winden über Nordafrika, getragen über das Mittelmeer und die Alpen bis nach Mitteleuropa. Für viele ist das Wetterphänomen ein eher lästiges Ärgernis. Für Forscher dagegen ist der gelbe Schleier ein Hinweis auf eine größere Entwicklung.

Die Konzentration von Feinstaub aus der Sahara ist über weiten Teilen Europas in den vergangenen Jahren gestiegen. Betroffen von der Entwicklung ist einer Studie zufolge vor allem Südeuropa – und dort insbesondere Italien, die Adriaregion und die Ägäis, berichtet ein internationales Forschungsteam im Fachjournal „Nature“. Auch in Deutschland ist der feine Saharastaub zu beobachten.

Generell spielt Staub eine wichtige Rolle für Klima und Ökologie. Er beeinflusst die Sonneneinstrahlung, dient als Kondensationskern bei der Wolkenbildung und verteilt Eisen und andere Nährstoffe über die Erde, wie das Team um Petros Vasilakos und Kaspar Dällenbach vom Paul Scherrer Institut (PSI) in Villigen im Schweizer Kanton Aargau schreibt.

Andererseits kann Feinstaub die Luftqualität verschlechtern und gesundheitliche Folgen haben, etwa auf Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen wie Asthma. Langfristig erhöhen die feinen Partikel das Risiko für Lungenkrebs. Für die EU schätzte die Europäische Umweltagentur allein für das Jahr 2023 etwas mehr als 180.000 Todesfälle, die auf die Feinstaubbelastung oberhalb der von der WHO empfohlenen Richtwerte zurückzuführen sind.

Zwar deuteten schon frühere Studien darauf hin, dass in den vergangenen Jahrzehnten vermehrt Staub aus der Sahara und den arabischen Wüsten in Teile Europas gelangte, ein genaues Bild für den gesamten Kontinent fehlte jedoch bislang. Nun wertete das Team mehr als 18.000 Feinstaub-Messungen von mehr als 100 Standorten in Europa für die Jahre von 2012 bis 2021 aus und erstellte daraus mithilfe von künstlicher Intelligenz ein Modell für den Kontinent.

Titan verrät den Wüstenstaub

Dabei konzentrierte es sich auf Metalle wie Aluminium (Al), Titan (Ti), Silicium (Si), Calcium (Ca) und Eisen (Fe). Besonders achtete es auf Aluminium und Titan, die im Gegensatz zu anderen Elementen typisch für transportierten Wüstenstaub sind und weniger aus anderen Quellen stammen wie etwa Verkehr, Bauarbeiten oder Haushalten. „Durch chemische Analysen können wir die Herkunft des bodennahen Feinstaubs daher sehr gut bestimmen“, wird Vasilakos in einer PSI-Mitteilung zitiert.

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In dem untersuchten Jahrzehnt stieg die Feinstaubmenge im größten Teil Europas an, vor allem jedoch in Südeuropa, wo die Werte etwa um das 2,5-Fache höher waren als im Rest des Kontinents. Demnach lagen die täglichen Wüstenstaub-Werte für PM10 – also winzige Partikel mit einem Durchmesser unter zehn Mikrometer (Tausendstel Millimeter) – in Nord- und Mitteleuropa bei durchschnittlich knapp 2,1 Mikrogramm pro Kubikmeter, in Südeuropa jedoch bei fast 5,3 Mikrogramm.

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Im Untersuchungszeitraum stieg die Staubmenge um etwa 0,5 Mikrogramm pro Kubikmeter, in Italien, der Ägäis und im Adriaraum sogar um gut 0,7 Mikrogramm. „Das entspricht einer Zunahme von zehn bis 25 Prozent dieser Staubbelastung“, sagt Studienleiter Dällenbach. „Sowohl für die Effizienz und Wirtschaftlichkeit großer Solaranlagen als auch hinsichtlich der gesundheitlichen Folgen erhöhter Feinstaubbelastung ist das nicht zu vernachlässigen.“

Dabei hat sich die eigentliche Anzahl der Stürme, die Wüstenstaub aus der Sahara und den arabischen Wüsten nach Europa tragen, nicht wirklich erhöht: „Aber sie sind im Verlauf der betrachteten zehn Jahre intensiver geworden und transportieren dadurch heute mehr Staub nach Europa als früher“, sagt Dällenbach.

Pro Jahr gab es in dem untersuchten Zeitraum in Südeuropa – einschließlich Spanien – etwa 46 Tage mit hohen Staubwerten um zehn Mikrogramm pro Kubikmeter. An solchen Tagen stieg die Staubkonzentration in der Adria, der Ägäis und Teilen des Balkans während des Jahrzehnts um 1,4 Mikrogramm pro Kubikmeter, in Süditalien sogar um 2,7 Mikrogramm.

Analysen von drei Eisbohrkernen aus dem Monte-Rosa-Massiv im Grenzgebiet von Italien zur Schweiz ergaben, dass die Ablagerung schon seit Längerem zunimmt: In den vergangenen 150 Jahren hat sie sich in den Alpen mehr als verdoppelt.

In der Studie schätzten die Forscher aus epidemiologischen Daten auch die kurzfristigen gesundheitlichen Folgen während der Phasen vermehrter Belastung durch Wüstenstaub ab: Die Mortalität – etwa durch Herzinfarkte und Atemprobleme – steige dadurch kurzfristig um 0,67 Prozent, schätzen sie.

Die Hospitalisierungsrate aufgrund von Atemwegsbeschwerden nehme bei Menschen ab 15 Jahren um 0,73 Prozent zu, bei jüngeren allerdings deutlich stärker, um knapp 2,5 Prozent. Dies unterstreiche die Folgen solcher Staubereignisse für vulnerable Bevölkerungsgruppen.

Ursache für den Trend ist den Forschern zufolge zum einen die zunehmende Austrocknung der Sahara, zum anderen vermehrt Luftströmungen aus dieser Region nach Europa. „Inwieweit der menschengemachte Klimawandel diese Entwicklung mitverursacht hat und ob er sie weiter verstärkt, ist noch nicht abschließend geklärt“, sagt Dällenbach.

„Unser derzeitiges Verständnis legt jedoch nahe, dass die Zunahme des Wüstenstaubs durch die Treibhausgasemissionen des Menschen und die damit verbundene Klimaerwärmung zumindest begünstigt wird. Dadurch wird es in bestimmten Regionen trockener und die Wüsten breiten sich aus“, so Dällenbach weiter.

Sollte die Konzentration von Wüstenstaub weiter zunehmen, könnten Anstrengungen zur Reduzierung anthropogener Feinstaubemissionen untergraben werden, warnen die Forscher. Anders als Feinstaub, der direkt auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen ist, wie Abgase, Schornsteinrauch und Reifenabrieb, lässt sich der Staub aus der Wüste eben nicht durch gezielte Maßnahmen reduzieren.

Walter Willems, dpa/dia

Source – WELT De