Warum ein Milliardär sein Leonardo-Meisterwerk im Met aufhängt
Wenn ein unschätzbar wertvolles Gemälde von privat an eines der wichtigsten Museen der Welt verliehen wird, dann kann es sich nur um Aufwertung handeln. Oder um Philanthropie?
Klicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.
Da können die zeitgenössische Kunst und die Klassische Moderne noch so viele Klimt-Züge machen: Die Nummer 1 aller jemals versteigerten Werke bleibt ein Alter Meister, noch vor dem „Bildnis der Elisabeth Lederer“ von Gustav Klimt (236 Millionen Dollar). Der – nicht unumstritten – Leonardo da Vinci (1452 bis 1519) zugeschriebene „Salvator Mundi“ ging 2017 bei Christie’s New York für sagenhafte 450 Millionen Dollar an den saudischen Kronprinzen und ist seitdem für die Augen der Welt verschwunden. Doch nun taucht ein anderes Leonardo-verdächtiges Bild im Licht der Öffentlichkeit auf. Oder genauer formuliert: im Lichtlein der Öffentlichkeit.
Seltsamerweise ohne medienwirksames Tamtam, sogar ohne eine Mitteilung, hängt seit einigen Wochen in Saal 609 des New Yorker Metropolitan Museum of Art die „Madonna mit der Spindel“. Ein 49 mal 37 Zentimeter messendes Gemälde, das hier dem Renaissance-Superstar ohne Einschränkung zugeschrieben wird. „On loan“, als Leihgabe, ist der einzige Kommentar auf der Museumshomepage zur Herkunft des Bildes. Das zieht Fragen nach sich: Wie viel Leonardo steckt überhaupt in dieser Leinwand, auf die das Gemälde im 19. Jahrhundert vom ursprünglichen Holzpaneel übertragen wurde, wie es damals bei beschädigten oder von Insekten befallenen Tafeln nicht unüblich war?
Sehr viel, wenn auch vielleicht nicht ganz 100 Prozent, wie die meisten Experten, darunter der Kunsthistoriker Frank Zöllner, der an der Universität Leipzig lehrte, vermuten. Im Gegensatz zum 450-Millionen-Dollar-Weltenretter existiert für die Madonna immerhin eine zeitgenössische Quelle. Im April 1501 schrieb Pietro da Novellara an die Markgräfin von Mantua über einen Besuch in da Vincis Florentiner Werkstatt und schilderte ein „Work in Progress“ des Meisters: „Eine Madonna, die dasitzt, als ob sie eine Spindel wickeln will, und das Kind, den Fuß in einem Spindelkörbchen, hat die Spindel genommen und betrachtet aufmerksam die vier Strahlen, welche das Kreuz darstellen sollen.“ Die Gräfin Isabella d’Este hätte selbst so gern einen echten Leonardo besessen, doch die „Madonna mit der Spindel“ war ein Auftrag des Sekretärs des französischen Königs und somit vergeben.
Handelt es sich um genau dieses jetzt in New York ausgestellte Werk? Man weiß es nicht sicher. Das nach einem Vorbesitzer auch Lansdowne-Version genannte Bild hat eine Doppelgängerin in Schottland: im Eigentum des Duke of Buccleuch, aus dessen Schloss die Variante 2003 gestohlen und vier Jahre später sichergestellt wurde. Heute hängt es (hoffentlich) sicher in der National Gallery in Edinburgh. Das von Pietro da Novellara beschriebene Körbchen unter dem Jesusfuß ist übrigens auf keinem der Gemäldegeschwister auszumachen. Möglicherweise wurde es übermalt.
Was beide Versionen augenfällig unterscheidet, ist die Landschaft: Der Hintergrund in Schottland zeigt ein undefinierbares Meer. In New York dagegen erkennt man die verbläuende Luftperspektive, in leichten Dunst getauchte Berge und eine Bogenbrücke – eine ähnliche Inszenierung wie bei der „Mona Lisa“, die einige Jahre später gemalt wurde. „Ein sehr gutes Bild“, lobt der als kritisch bekannte Leonardo-Kenner Zöllner. Man kann davon ausgehen, dass da Vinci tatsächlich seine Hand im Spiel hatte. Und zwar deutlich.
Warum präsentiert das Met diesen Schatz fast provozierend sang- und klanglos? Da liegt zunächst der Verdacht nahe, dass ein Altmeister durch das Museum geadelt und für einen Verkauf aufgehübscht werden soll. Der „Salvator Mundi“ schlug erst durch die spektakuläre Leonardo-Ausstellung 2011 in der Londoner National Gallery mit Donnerhall auf dem Kunstmarkt ein, wurde an einen russischen Oligarchen verkauft und später zum vierfachen Preis versteigert. Frank Zöllner hatte die Spindel-Madonna damals für den nächsten Verkaufskandidaten gehalten.
Was sagt das Met zur Sensation in Raum 609? WELT AM SONNTAG fragte bei Direktor Max Hollein nach. Doch konkrete Antworten kamen nicht, wenn man von der Bestätigung absieht, dass es sich um eine „langfristige Leihgabe“ handele.
Zuletzt 2024 wechselte das Werk über Christie’s diskret den Besitzer. Zu einem unbekannten Preis erwarb es Ken Griffin. Der Hedgefonds-Gründer aus Florida zählt mit einem geschätzten Vermögen von 41,8 Milliarden Dollar („Business Insider“, 2024) zu den vermögendsten Menschen des Planeten: „The Griff“ gönnte sich die teuerste Penthouse-Wohnung der USA, 290 Meter über New York gelegen, und einen Stegosaurier, den er 2024 für 44 Millionen Dollar ersteigerte. Wer hat schon einen Dino und einen Leonardo?
Bedeutende Stücke seiner Sammlung wie einen Andy Warhol („Shot Orange Marilyn“) und Jasper Johns („False Start“) verlieh Griffin bereits ohne großes Aufsehen an das Museum in Philadelphia. Nun also ging Leonardo da Vinci ebenso geräuschlos ins Met. Zöllner vermutet: „Ken Griffin will offenbar sicherstellen, dass die ‚Madonna’ nicht denselben Weg geht wie der ‚Salvator’: in ein Land außerhalb der USA und der westlichen Welt.“ Der „Salvator Mundi“ ruht abgeschottet an einem unbekannten Ort in einem Tresor oder Kunst-Freilager, bis der saudische Kronprinz das teuerste Gemälde der Welt irgendwann aus seiner Isolationshaft befreit.
Da ist es für die Kunstwelt zweifellos besser, wenn ein philanthropischer Milliardär ein solch bedeutendes Menschheitswerk gegen 30 Dollar Eintritt im Met für jeden freigibt.
Source – WELT De

