Bekannter Betrüger ließ aus Gefängnis heraus Flughafen Rostock-Laage kaufen
Der Flughafen Rostock-Laage wechselte Mitte vorigen Jahres den Eigentümer. Jetzt zeigen WELT-Recherchen, welche schillernde Person hinter dem Millionen-Deal steckt.
Seit Jahren befindet sich der Flughafen Rostock-Laage im Dornröschenschlaf. Ursprünglich für eine Million Fluggäste pro Jahr geplant, checkten 2025 lediglich rund 37.000 Passagiere ein und aus. Teilweise startet und landet nur ein Mal am Tag ein Flugzeug.
Nachdem auch aus den Plänen des Logistik-Unternehmens „Zeitfracht“, den Flughafen zu einem ostdeutschen Luftfracht-Drehkreuz auszubauen, nichts wurde, gab es im vorigen Jahr neue Hoffnung für den Airport. Denn Mitte des Jahres kaufte das Berliner Unternehmen „Crisp Partners“ den Flughafen – und machte vielversprechende Ankündigungen: So sollte nicht nur das Flugangebot erweitert werden und die Zahl der Passagiere um 50 Prozent steigen. Auf vielen Flächen sollten auch große Photovoltaik-Anlagen entstehen.
Ein damaliger Unternehmensvertreter erklärte: „Crisp Partners ist eine Gruppe privater Investoren. Wir haben uns auf das Projekt nur eingelassen, weil einige unserer Partner aus dem Bereich erneuerbarer Energien kommen. Und die haben großes Potenzial gesehen, weil es hier viele große ungenutzte Flächen gibt, wo Photovoltaik-Anlagen aufgestellt werden können, zusammen mit Energiespeicheranlagen“.
Holt war zu acht Jahren Haft verurteilt worden
Wer die Partner sind und wie viel der Flughafen gekostet hatte – all das blieb damals geheim. Doch jetzt bringen WELT-Recherchen erstmals Licht ins Dunkle. Vertrauliche Dokumente und Aussagen von Personen, die mit dem Vorgang vertraut sind, zeigen: Offenbar ließ der verurteilte Windparkbetrüger Hendrik Holt den Flughafen über Mittelsmänner aus dem Gefängnis heraus kaufen – für 3,1 Millionen Euro.
Der heute 36-jährige Holt war im April 2020 in der Suite „Brandenburger Tor“ im Berliner Nobelhotel Adlon verhaftet worden. Der Grund: Er hatte an ausländische Energiekonzerne Windparks in Deutschland verkauft – die es gar nicht gab. Dafür hatte er zusammen mit seiner Familie unzählige Dokumente gefälscht und auf diese Weise rund zehn Millionen Euro ergaunert und damit sein Luxusleben finanziert. Später wurde Holt unter anderem wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs zu einer Haftstrafe von acht Jahren verurteilt. Der Richter bescheinigte ihm eine „hohe kriminelle Energie“.
Geschäftspartnerschaft mit Holt Holding
Dass Holt hinter dem Flughafen-Kauf steckt, belegt unter anderem eine nicht-öffentliche Firmenunterlage. Darin heißt es, dass „Crisp Energy“, eine Marke von „Crisp Partners“, den zivilen Teil des Flughafens im zweiten Quartal 2025 kaufen wolle. Und: „Unsere Geschäftspartnerschaft mit Holt Holding S.A. bringt umfassende Erfahrung in der Projektentwicklung von Großanlagen für erneuerbare Energien sowie Expertise bei Börsengängen in unser Team ein. Über unser Netzwerk erschließen wir Geschäftspotenziale in den Bereichen nachhaltige Produktion und erneuerbare Energien.“
Inwiefern Holt persönlich Geld für den Flughafen-Kauf beisteuerte, ist aus dem Dokument nicht ersichtlich. Personen, die mit dem Vorgang vertraut sind, sagen allerdings, dass Holt hinter dem Investment stecke. Zum Zeitpunkt des Flughafen-Kaufs im vorigen Jahr befand er sich im offenen Vollzug in Berlin und soll mit „Zeitfracht“-Chef Wolfram Simon-Schröter im griechischen Restaurant „Ach Niko Ach“ in Berlin mit mehreren weiteren Personen persönlich auf den Deal angestoßen haben. Schröter soll zu dem Zeitpunkt aber nicht gewusst haben, um wen sich es Holt handelt.
Doch woher hätte Holt das Geld? In einer ARD-Dokumentation hatte er behauptet, er sei zu keinem Zeitpunkt insolvent gewesen und habe auch keine Schulden. Auf Instagram erweckten Posts den Eindruck, dass er durchaus über Geld verfüge. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück hatte in der Neuen Osnabrücker Zeitung jedoch einem solchen Eindruck widersprochen. Michael Tschochohei, der für Vermögensabschöpfungen zuständig ist, hatte der NOZ gesagt, dass er zwar wisse, dass Holt in sozialen Medien „eine Welle gemacht“ habe, aber: „Dass Hendrik Holt heute sagt, er verfüge noch über Vermögenswerte, kann eigentlich nicht sein. Da ist nichts mehr.“ Holt war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.
Zahlungsprobleme nach Kauf
Fakt ist dagegen: Laut eines weiteren vertraulichen Dokuments wurde der Kaufvertrag für den Flughafen am 4. Juli 2025 in Berlin unterzeichnet. Der Preis: 3,1 Millionen Euro. Doch schon kurz nach dem Vertragsabschluss gab es Probleme, da die erste Rate in Höhe von 240.000 Euro nicht wie geplant Mitte Juli von „Crisp Partners“ überwiesen worden war.
„Die ausbleibende Zahlung – einer vergleichsweise geringen ersten Tranche – des Kaufpreises trotz nachdrücklicher Aufforderung überrascht insoweit, als seitens CRISP Partners und der für die Käuferin handelnden Personen im Rahmen der (vor-)vertraglichen Verhandlungen wiederholt und ausdrücklich betont wurde, dass die Aufbringung der erforderlichen finanziellen Mittel selbstverständlich und ohne jede Schwierigkeit möglich sei. Dies wurde auch im Zusammenhang mit dem im Rahmen des KYC-Prozesses erfolgten Auskunftsverhalten zur Herkunft der Mittel als unproblematisch dargestellt“, heißt es in einem Anwaltsschreiben von August 2025, in dem „Crisp Partners“ Konsequenzen angedroht werden, wenn das Geld nicht zuzüglich neun Prozent Verzugszinsen und Gebühren umgehend an den Verkäufer – ein Tochterunternehmen der Kolibri-Gruppe – gezahlt werden würde.
Weiter heißt es hier auch: „Darüber hinaus wird im Hinblick auf den Vertragsschluss, die diesen begleitenden Gesamtumstände sowie das gegenwärtige Verhalten der für die Käuferin handelnden Personen zu prüfen sein, ob und in welchem Umfang strafrechtlich relevante Tatbestände verwirklicht worden sind. Dies gilt insbesondere auch hinsichtlich der zunächst unklaren und unserer Mandantschaft erst zu einem späteren Zeitpunkt bekannt gewordenen Beteiligung sowie der tatsächlichen Einflussnahme des Herrn Hendrik Holdt (sic!) im Zusammenhang mit dem gegenständlichen Vorgang.“
So reagiert die Flughafen-Geschäftsführerin
„Zeitfracht“ äußert sich auf Anfrage nicht. Nach WELT-Informationen wurden die 240.000 Euro jedoch schließlich doch überwiesen. Eine zweite und dritte Zahlung von jeweils einer Million Euro, die Ende 2025 und im März 2026 fällig gewesen wären, sowie eine Zahlung von 860.000 Euro zu Ende Juni 2026 blieben bislang jedoch aus. Angeblich, so die Begründung, seien Bedingungen für die Transaktionen nicht erfüllt worden. Mit dem Fall beschäftigen sich dem Vernehmen nach inzwischen Gerichtsvollzieher.
WELT fragte bei Flughafen-Geschäftsführerin Ira Lauth nach, die zugleich eingetragene Geschäftsführerin von Crisp Partners ist, ob es eine Geschäftsverbindung zu Holt gebe. Das bestreitet sie. Auf Nachfrage, ob dies nur für den Flughafen gelte oder eben auch für Crisp Partners, beantwortete sie nicht.
Zu den ausbleibenden Zahlungen will sie sich nicht äußern. Lauth sagt dazu lediglich: „Zu Einzelheiten des Unternehmenskaufvertrages können wir keine detaillierten Angaben machen. (…) Die Finanzierung erfolgte durch die Käuferin aus privaten Mitteln.“ Gerüchte, wonach ein Berliner Makler mit der Suche nach einem Käufer beauftragt worden sei, würden nicht stimmen. Lauth: „Es gibt derzeit keinen Verkaufsprozess hinsichtlich der Flughafen Rostock-Laage-Güstrow GmbH. Wir verfolgen als Eigentümer einen langfristigen Businessplan für den Standort. Derzeit arbeiten wir an der Entwicklung verschiedener Infrastruktur- und Energieprojekte mit einem geplanten Investitionsvolumen von rund 60 Millionen Euro.“ Lauth erklärt aber: „Zur Strukturierung der hierfür erforderlichen Finanzierung wurden externe Finanzierungs- und Beratungspartner mandatiert. Dies entspricht dem üblichen Vorgehen bei Vorhaben dieser Größenordnung.“
Dürfte Holt aus dem Gefängnis heraus überhaupt einen Flughafen kaufen lassen? Rechtlich wäre das grundsätzlich kein Problem. Juristisch relevant dürfte nur die Herkunft des Geldes sein, ob sie etwa aus Straftaten kommt. Das wäre dann wohl ein Fall für die Staatsanwaltschaft Osnabrück, die für Holt zuständig ist.
Lars Petersen ist Leiter National im Investigativ-Team von WELT, Business Insider Deutschland und Politico Deutschland und kümmert sich seit Jahren um Machtkämpfe und Affären hinter den Kulissen von Wirtschaft und Politik. Sie haben Hinweise für ihn? Dann melden Sie sich gerne beim Autor, auch vertraulich – per E-Mail oder über den verschlüsselten Messenger Threema (WTJPZ7PN)
Source – WELT De

