Ist mein Roman zu jüdisch für Deutschland?
Nach dem 7. Oktober 2023 verlor ich vorübergehend den Verstand. Natürlich versuchte ich, mir die Nachrichten vom Leibe zu halten, aber durch Osmose drang das Gift trotzdem in mich ein. Das Video von dem kleinen Jungen, der verzweifelt nach seiner Mama schrie und weinte; aber da war keine Mama, da waren nur böse zischende Stimmen aus dem Off (dreckiger Jude, dreckiger Jude). Der geschändete Körper von Shani Louk, die halbtot auf einem Lastwagen lag wie Müll. Israelis, die sich kauernd in einem Feld versteckten – genau wie damals in Polen – und zuschauen mussten, wie die Einsatzgruppen der Hamas en passant ihre Leute abknallten.
Ich erinnere mich an einen ultrafrommen Rabbi (Friede seiner Seele), der mit brechender Stimme von den Leichen der Familie berichtete, die er und seine Helfer in einem der von der Hamas überfallenen Häuser gefunden hatten. Die Eltern waren auf einer Seite des Tisches gefesselt, die Kinder auf der anderen, die Folter muss lange gedauert haben. Einen Moment lang fragte ich mich, ob ich lieber vor oder nach meinem Sohn eine Kugel in den Kopf bekommen hätte. Davor! Selbstverständlich davor. Wer will schon miterleben, wie das eigene Kind krepiert. Im nächsten Moment schämte ich mich für meinen Egoismus. Denn es wäre ja meine von Gott verdammte Pflicht gewesen, bis zur letzten Sekunde meines Lebens bei meinem Sohn zu bleiben.
Ein paar Monate vor dem „schwarzen Schabbat“ war meine Mutter gestorben. Obwohl die Demenz in ihrem Kopf tobte, hatte sie in ihrem letzten Jahr noch den Irrsinn des russischen Überfalls auf die Ukraine mitbekommen: Butscha. Mariupol. Die Verschleppung ukrainischer Kinder. Wie gut, dass meine Mutter tot ist, dachte es nach dem 7. Oktober in mir. Dieser Tag hätte sie umgebracht.
Dann erschien mir Schab’tai Z’wi
Gleichzeitig musste ich weitermachen: den Sohn zum Klavierunterricht bringen, Abendessen für die Familie kochen, meine Frau umarmen. Es fiel mir schwer, mit ihr über das zu sprechen, was ich in meinem Inneren sah. Die Bilder von den Tunneln etwa, diesen elenden Tunneln, in denen die Hamas mit ihren Geiseln verschwunden war. Die Mörder hatten unter dem Gazastreifen unterirdische Gänge verlegt, die so viele Kilometer lang waren wie das U-Bahn-Netz von London und Paris zusammen. Eloi und Morlocks, dachte ich, während ich nachts im Bett lag und auf den Schlaf wartete. In der „Zeitmaschine“ von H. G. Wells zerren die Morlocks die unschuldig-gedächtnislosen Eloi in die Unterwelt, um sie dort zu verspeisen. In der Dunkelheit kam es mir so vor, als hätten die Morlocks gesiegt.
Eine berühmte Dichterin dekretierte einst: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Nein. Ich wollte bitte nicht, dass mir diese Wahrheit zugemutet wird. Und so betete ich um eine Idee, die mich retten sollte, die mich ganz weit weg trug. Einen Aufenthalt in der Psychiatrie konnte ich mir nicht leisten, und der Selbstmord ist Eltern bekanntlich verboten. Im nächsten Moment hatte ich die Idee: Schab’tai Z’wi. Ich fetzte zwei Sätze ins Notizbuch, dann kippte ich in einen schwarzen Schlaf ohne Träume. Am nächsten Morgen fiel mir der Rest meines Romans ein. Die Idee, auf der er basierte, war komplett wahnsinnig und völlig einleuchtend.
Schab’tai Z’wi war ein falscher Messias. Er lebte von 1626 bis 1676 als Zeitgenosse von Spinoza, Rembrandt, Glikl von Hameln, Samuel Pepys. Schab’tai Z’wi war kein Scharlatan, sondern wirklich verrückt; er litt an einer bipolaren Störung und hatte gelegentlich Wahnvorstellungen. Vielleicht ein Drittel der Juden seiner Zeit folgte ihm nach, sowohl im Orient als auch im christlichen Europa. An manchen Orten deckten Juden die Dächer ihrer Häuser ab, weil sie dem Messias ins Gelobte Land folgen wollten. Ein Grund für dieses messianische Fieber war eine Katastrophe: 1648 und 1649 ermordeten die Kosaken des Bochdan Chmielnitzky in der heutigen Ukraine mindestens 20.000 jüdische Frauen, Kinder und Männer. Sie ließen dabei keine Scheußlichkeit aus. Die Juden hatten jeden Grund, sich einen Erlöser zu wünschen, der sie von der Herrschaft der Gojim befreit.
Die Idee, die mir in der Dunkelheit kam
Der wichtigste Tag im Leben des Schab’tai Z’wi war der 16. September 1666. Damals ließ Sultan Mehmed IV. ihn vor seinen Diwan in Adrianopel, dem heutigen Edirne, zitieren, und stellte ihn vor die Alternative: Pfählung oder Übertritt zum Islam. Als dritte Möglichkeit bot er dem falschen Messias an, seine besten Bogenschützen hereinzubitten und auf Schab’tai Z’wi anlegen zu lassen. Sollten ihre Pfeile ihn nicht umbringen, sei er vielleicht wirklich der, für den seine Anhänger ihn hielten.
Naturgemäß trat Schab’tai Z’wi auf der Stelle zum Islam über – er war zwar meschugge, aber nicht dumm. Die Idee, die mir damals in der Dunkelheit kam, war nun folgende: Was, wenn Schab’tai Z’wi sich für die Bogenschützen entschieden hätte und ihre Pfeile (wegen eines Windstoßes; wegen eines Wunders) harmlos zu Boden gefallen wären? Dann hätte Sultan Mehmed IV. keine andere Wahl gehabt, als den Juden jene drei Provinzen seines Reiches zu geben, in denen das historische Land Israel gelegen hatte. Es gäbe also seit mehr als dreihundert Jahren einen jüdischen Staat, und er wäre im Einverständnis mit der islamischen Welt gegründet worden. Nach 1933 hätten die Juden ein Zufluchtsland gehabt. Die Araber hätten ihre Kraft nicht in Kriegen gegen Israel vergeudet.
Nicht auszudenken! Also dachte ich es mir aus. Einen Nahen Osten, der so reich ist – und technologisch so fortgeschritten – wie Schanghai, Seoul, Singapur. Eine Hochgeschwindigkeitsbahn, die Jerusalem mit Bagdad und Bagdad mit Isfahan verbindet. Einen toleranten und selbstbewussten Islam, der keinen Antisemitismus kennt. Eine messianische Republik Israel, in der Sephardim – spanische Juden – den Ton angeben.
Von Anfang an war mir klar, dass ich einen Spionageroman schreiben musste. (Oder die Parodie eines Spionageromans, was wohl so ziemlich auf dasselbe hinausläuft.) Die Heldin hatte ich sofort vor Augen: Maya Goldschein, eine Jüdin aus Hamburg. Sie erhält den Auftrag, die erste Biografie von Schab’tai Z’wi zu verfassen, die keine Heiligenlegende ist; zu diesem Zweck darf sie sogar in den israelischen Staatsarchiven forschen. Maya war klug und tough und schön. Und neurotisch. Und neugierig. Beim Schreiben passierte mir etwas, von dem ich immer gedacht hatte, es sei eine fromme Schriftstellerlegende: Maya Goldschein hielt sich nicht an meine Vorgaben. Kurz vor dem Ende des Romans haute sie buchstäblich ab. Maya hatte ihren eigenen Kopf und bescherte mir eine Pointe, die auch mich verblüffte.
Unverkäuflich, weil zu jüdisch?
Der Roman spielt hauptsächlich im Gazastreifen, ein bisschen auch in Jerusalem und Jaffa. Während ich schrieb, verwandelte die israelische Armee Gaza City in eine Trümmerwüste – in meiner Fantasie baute ich die Stadt wieder auf; nur ganz anders. Das musste so sein. Im 17. Jahrhundert lebte dort nämlich ein verrückt-verzückter Kabbalist namens Nathan, den seine Anhänger als Prophet feierten. Für Schab’tai Z’wi spielte Nathan dieselbe Rolle wie Johannes der Täufer für Jesus: Er rief ihn in seiner Synagoge öffentlich zum Messias aus. Gleichzeitig war er so etwas wie Schab’tai Z’wis Apostel Paulus – er verkündete den Ruhm des Erlösers im ganzen Mittelmeerraum. So stellte ich mir vor, dass dreihundert Jahre danach im Gazastreifen eine „Prophet-Nathan-Bibliothek“ steht, in der die heiligen Schriften der Juden gesammelt werden. Außerdem fantasierte ich, dass Juden und Araber in Gaza ohne Streit zusammenleben. Dass dort keine Kinder verbrennen. Dass Schwule nicht gesteinigt werden.
Plemplem, ich weiß.
Menschen meiner Generation sind mit einer atemberaubenden Kinoszene aufgewachsen: Sean Connery alias Geheimagent 007 schläft unter Palmen. Eine Frauenstimme singt einen Schlager, James Bond wacht auf und greift nach seiner Pistole. Schnitt: Sandstrand, Meer, attraktive Kumuluswolken. Und dann taucht Ursula Andress aus den Wellen auf, eine blonde Göttin im Bikini. In meinem Roman liefere ich das passende Yin zu diesem Yang; bei mir ist es also ein blonder Mann, der als schaumgeborener Apoll aus dem Meer steigt, während meine Heldin sich einen lüsternen Blick gönnt. So fängt die Geschichte an. Beinahe konventionell geht sie weiter. Aber nicht ganz, denn zu den Konventionen des Spionageromans gehört die geheimnisvolle Frau, bei der lange verborgen bleibt, ob sie zu den Guten oder den Bösen gehört. (Vesper Lynd in „Casino Royale“, Phuong in „Der stille Amerikaner“.) Ich hatte großen Spaß daran, dieses uralte Klischee umzudrehen. Bei mir ist die mysteriöse Gestalt also ein Mann: Philip von Halenstein, ein deutscher Adeliger, zu allem Überfluss auch noch bisexuell. Ein Patriot, dessen Großvater von Hitler ermordet wurde. Maya verfällt dem Kerl mit Haut und Haaren.
Der Roman purzelte aus mir heraus, eigentlich schrieb er sich von allein; mein Gehirn gönnte sich eine Runde Urlaub. Ich ließ das Manuskript für ein paar Monate ruhen, überarbeitete es mit der angemessenen Rücksichtslosigkeit, ganz am Schluss klemmte ich mir die Lupe ins Auge und packte die Feile aus. Als ich das Gefühl hatte, fertig zu sein, schickte ich das Produkt an Kolleginnen und Freunde und meine Agentin. Enthusiastische Reaktionen: Dieser Roman würde ein Selbstläufer sein. Dachte ich, dachten alle. Aber dann warf niemand die Angel aus, niemand griff zu. Brillant, hieß es, aber zu wild; großartig, aber nichts für uns. Über mehrere Relaisstationen wurde mir heimlich gefunkt, in einem prominenten Verlag habe das Dekret gelautet: unverkäuflich, weil zu jüdisch.
Vielleicht, überlegte ich später, fällt mein Roman in ein ideologisches Niemandsland. Er kann Leuten nicht gefallen, die mit Palästinenserschal für die Vernichtung Israels demonstrieren. Andererseits schildere ich Araber nicht als tobende Wilde mit gezücktem islamischen Krummschwert. Ich träume von Frieden, lachen Sie ruhig. Vielleicht war mein tollkühner Wunschtraum aber gar nicht der Grund für die Ablehnung? Vielleicht irrten die Freunde und Kolleginnen, und mein Manuskript taugte nicht viel? Nach einem halben Jahr fand ich mich damit ab, dass dieser Roman für immer im Dunkel meiner Festplatte lagern würde. Und doch war meine Kapitulation nur halbherzig, was man an folgendem Umstand sieht: Ich druckte fünf Manuskripte aus und verschickte sie ganz altmodisch mit der Post.
Ein Exemplar bekam mein Freund Andreas Öhler in Berlin, der leider nicht mehr lebt. Ihn besuchte der Schriftsteller Artur Becker, der zum Glück noch quicklebendig ist. Artur entdeckte das Manuskript auf Andreas’ Schreibtisch, klemmte es sich unter die Achsel und fuhr zurück in seine Heimatstadt. Er las und empfahl das Buch einem kleinen feinen Verlag in Frankfurt. Und jetzt werden wir ausprobieren, ob mein Roman wirklich zu jüdisch oder ob er für Deutschland gerade noch brav genug ist.
Hannes Stein berichtet für WELT aus New York. Sein Roman „Der Messias-Komplex“ erscheint in der Edition Faust.
Source – WELT De

