Wie Deutschlands erfolgreichster Bodybuilder lernte seine Grenzen zu überwinden

Urs Kalecinski gehört zu den besten Bodybuildern der Welt. Ausgerechnet die Fähigkeit, die ihn an die Spitze brachte, wurde ihm beinahe zum Verhängnis. Unser Autor hat mit ihm an seiner Autobiografie gearbeitet. Über Bodybuilding, Selbstoptimierung und die Frage, wann Durchhalten bedeutet, die Richtung zu ändern.

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Manchmal, da braucht es im Leben eines Menschen erst einen Bruch, damit etwas Altes vergehen und etwas Neues entstehen kann. Urs Kalecinski ist sechs Jahre alt, als er sich das erste Mal etwas bricht. Es ist sein Arm. Der kleine Urs ist, wie so oft, mit seinem großen Bruder im Wald unterwegs und will ihm, und mehr noch, sich selbst, beweisen, dass er zwar der Jüngste in der Familie, ganz sicher aber nicht der ängstlichste ist. Und so schwingt er sich mit einem festgebundenen Seil über einen Fluss, kommt auf der anderen Seite auf, verliert das Gleichgewicht, fällt einen Abhang herunter und landet auf seinem Arm.

Es knackt einmal. Als er spürt, dass der Arm jetzt nur noch bewegungslos an seinem Körper herunterhängt, ist seine größte Sorge zunächst einmal, wie er das nur seiner Mutter erklären soll. Aber der Bruch öffnet ihm auch eine ganz neue Tür. Vielleicht hat er Mitleid mit seinem Sohn, zumindest aber nimmt sein Vater den jungen Urs zum ersten Mal an einen Ort mit, der bislang für ihn Tabu war. In die Krafthalle. Der alte Kalecinski war in seinem früheren Leben einmal Kraftsportler. Er hatte in Polen auf hohem Niveau Gewichtheben betrieben, später selbst Athleten trainiert und diesen Teil seines Lebens irgendwann hinter sich gelassen.

Für seinen Sohn war davon bislang wenig sichtbar gewesen. Hier aber, zwischen Hantelbänken, Eisenscheiben und schweren Gewichten, begegnet Urs plötzlich einer anderen Version seines Vaters. Trainingshose, schwerer Ledergürtel, Bandagen an den Handgelenken, für Urs wirkt es, als trage sein Vater hier eine Uniform. Auch die anderen Männer behandeln ihn anders, beinahe ehrfürchtig. Sein Vater ist in dieser Welt jemand. Das prägt sich ein.

Wie wird man so? „Indem man durchhält“, erklärt der Vater

Und dann entdeckt Urs das Foto eines Mannes, dessen Körper für ihn noch verrückter aussieht, als all die anderen Körper in diesem Raum. Es ist ein Foto von dem Bodybuilder Serge Nubret. Urs fragt seinen Vater, wie man so wird, wie man es schafft, so auszusehen, wie diese menschgewordene Comic-Figur mit den großen Muskelbergen. Die Antwort seines Vaters wird ihn sein Leben lang begleiten. „Indem man durchhält“, erklärt er seinem Sohn. Und so lernt Urs Kalecinski durchzuhalten.

20 Jahre später gehört er zu den erfolgreichsten deutschen Bodybuildern aller Zeiten. Mit 21 Jahren erhält er seine Pro Card, beim Mr. Olympia, dem weltweit wichtigsten Wettbewerb der Szene, wird er 2021 Vierter, 2022 und 2023 jeweils Dritter. Gleichzeitig steigt Kalecinski zum Social-Media-Star und Influencer mit Millionenreichweite auf. Um mit ihn seine Autobiografie zu schreiben, habe ich ihn ein knappes Jahr begleitet und einen Mann kennengelernt, der den Begriff Disziplin völlig neu definiert. Ein Trainingsvolumen, das jede Grenze überschreitet.

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Und eine Definitionsphase, bei der man sich auf 5% Restkörperfett herunterhungert. Ein Zustand, in dem ein Mensch kaum noch ein Mensch ist, in dem selbst die Kraft fehlt, sich vor dem Schlafengehen noch auszuziehen. Sein Frühstück in dieser Zeit: Zwölf Eiklar und zwei Eier. Die beiden Eigelbe hebt er sich immer bis zum Schluss auf, sie sind sein geschmackliches Highlight, einfach, weil sie in seinem Ernährungsplan das einzige sind, was überhaupt noch etwas Geschmack hat.

Die radikalste vorstellbare Form der Selbstoptimierung

Bodybuilding ist die vielleicht radikalste Form der Arbeit am eigenen Ich. In kaum einem anderen Sport ist der Körper nicht nur das Mittel, mit dem eine Leistung erbracht wird, sondern die Leistung selbst. Der Athlet versucht, sich nach einer Vorstellung zu formen, die zunächst nur in seinem Kopf existiert. Training, Ernährung, Schlaf und Verzicht werden zu einem jahrelangen Experiment der permanenten Grenzverschiebung. Die Frage, wie weit ein Mensch gehen kann, um die Person zu werden, die sie sein möchte, wird dabei permanent neu ausgelotet.

Aber je extremer das gelebt wird, desto höher ist auch der Preis, den man für diesen Lebensstil bezahlt. Während der Vorbereitung auf den Mr. Olympia 2024 gerät Urs in eine Krise. Um in der Classic Physique, einer Klasse, die besonders auf Ästhetik und Proportionen setzt und das Körpergewicht begrenzt, auftreten zu können, darf er maximal 102 Kilogramm wiegen.

In der Vergangenheit war das kein Problem, Hunger gehört für Urs zum Geschäft. Doch jetzt ändert sich etwas. Sein Körper ist über die Jahre gewachsen, das Gewichtslimit bleibt dasselbe. Also isst er weniger, macht mehr Cardio, versucht mit immer größerer Disziplin zu erzwingen, was sein Körper längst nicht mehr mitmachen will. Ausgerechnet jene Fähigkeit, die ihn so weit gebracht hat, wird ihm nun zum Verhängnis: das Durchhalten.

Wochenlang hat Urs jede Mahlzeit streng kontrolliert. An diesem Tag darf er zum ersten Mal wieder größere Mengen Kohlenhydrate essen. Eigentlich müsste der Hunger gestillt sein. Trotzdem geht er am Abend noch einmal in einen Supermarkt, er will sich nur etwas Süßes holen. Er steht vor dem Kühlregal und sucht nach einer einzelnen Milchschnitte. Es gibt keine. Er nimmt eine Mehrfach-Packung, reißt sie auf, zieht eine Milchschnitte heraus und beißt hinein. Mitten im Laden. Noch bevor er aufgegessen hat, kommt das schlechte Gewissen. Er wirft den Rest ins Regal und geht weiter. Ein paar Meter später liegen Cookies, er öffnet auch diese Packung, nimmt zwei heraus und isst sie im Gehen. Während er noch kaut, sucht sein Blick schon das nächste Regal ab. Irgendetwas hat sich verselbstständigt.

Und dann verliert Kalecinski plötzlich die Kontrolle

Der Mann, der seit Jahren jede Mahlzeit vorbereitet und selbst auf Reisen eine Küchenwaage dabeihat, läuft durch einen Rewe und reißt Lebensmittelpackungen auf. Er erkennt sich selbst nicht wieder. Ihm fehlt die Kraft, er schläft schlecht, die Gedanken kreisen nur noch um Gewicht, Essen und den nächsten Wettkampf. Trotzdem macht er weiter. Bis zu diesem Abend, an dem Urs allein in seiner Berliner Wohnung im neunten Stock steht und plötzlich nicht mehr kann. Er geht auf den Balkon, lehnt sich über das Geländer und denkt für einen kurzen Moment daran, zu springen.

Dann zieht er sich zurück, verlässt die Wohnung und ruft seine Mutter an. Sie rät ihm, sich professionelle Hilfe zu suchen. Urs Kalecinski steht an einem Wendepunkt in seinem Leben. Wie soll er auf die Grenzen seines Körpers hören, wenn die Essenz von seinem Sport es doch ist, permanent alle Grenzen zu überwinden?

Das ist ein Widerspruch, der sich nicht einfach auflösen lässt. Und es ist die Kernfrage, die sich durch die Biografie eines Menschen zieht, der sein ganzes Leben erfahren hat, dass Grenzen vor allem dazu da sind, verschoben zu werden. Bis er an eine gerät, bei der genau das nicht mehr funktioniert. Aus dieser Erfahrung entsteht schließlich das, was Urs heute sein „Miracle Mindset“ nennt. Das bedeutet für ihn, an sich selbst und die eigene Fähigkeit zur Veränderung zu glauben, ohne dabei zu vergessen, dass Stärke manchmal auch darin besteht, die Richtung zu ändern.

Er vergleicht es mit einem Rennfahrer. Ein guter Rennfahrer gewinnt ein Rennen nicht, indem er vom Start bis ins Ziel das Gaspedal durchtritt. Er muss wissen, wann er beschleunigen kann, aber eben auch, wann er vom Gas gehen muss, um nicht aus der Kurve zu fliegen. Der sechsjährige Urs musste sich erst den Arm brechen, um jene Welt zu entdecken, die sein Leben bestimmen sollte. Zwanzig Jahre später braucht es einen anderen Bruch, um zu begreifen, dass Durchhalten manchmal auch bedeutet, nicht einfach weiterzumachen.

Urs Kalecinski/Dennis Sand: My Miracle Mindset. Warum wahre Stärke mehr ist als Muskeln. NXT LVL Verlag, 304 Seiten, 23 Euro.

Source – WELT De