„Freiheit ist nicht selbstverständlich, sondern muss erarbeitet werden“

Ende der 1940er-Jahre war der Jurastudent Arno Esch eine prägende liberale Stimme in Deutschland. Dafür wurde er am 24. Juli 1951 in Moskau hingerichtet. FDP-Vizechefin Linda Teuteberg erklärt, was sein Schicksal bis heute bedeutet.

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Das Gnadengesuch half nichts mehr: Am 24. Juli 1951 wurde der junge Rostocker Arno Esch im Moskauer Butyrka-Gefängnis von einem Henker des stalinistischen Geheimdienstes erschossen. Der 23-jährige Jurastudent war als rühriger und einfallsreicher Liberaler ins Fadenkreuz der SED und der sowjetischen Besatzungsmacht geraten, 1949 festgenommen und 1950 zum Tode verurteilt worden.

Immer wieder hat Linda Teuteberg, FDP-Politikerin aus Brandenburg und 2017 bis 2025 Mitglied des Bundestages, an sein Schicksal erinnert. 2020 etwa schrieb sie in einem WELT-Gastbeitrag: „Der junge Liberale Arno Esch bezahlte sein mutiges politisches Engagement mit dem Leben.“ Inzwischen ist Teuteberg stellvertretende Bundesvorsitzende ihrer Partei und beschäftigt sich weiterhin mit Geschichtspolitik.

WELT: Die Ermordung von Arno Esch ist schlimm – aber was ist die Botschaft seines Schicksals für heute und morgen?

Linda Teuteberg: Freiheit ist nicht selbstverständlich. Auf Unfreiheit und Kollektivismus gründende Regimes fürchten nichts mehr als unabhängig denkende Menschen und offene geistige Auseinandersetzung. Für unser gesamtdeutsches Gedächtnis enthält Eschs Schicksal eine weitere Botschaft: Der SED-Staat war eine Diktatur – von Anfang an und von den ideologischen Grundlagen her. Der Legende vom guten Anfang mit späteren Fehlentwicklungen ist entschieden zu widersprechen. Wir sollten uns von der Geschichtsschreibung der SED-Diktatur emanzipieren, statt ihre Legenden zu konservieren. Diese Diktatur war brutal, nicht kommod.

WELT: Esch hat mehrere für sein junges Alter erstaunlich differenzierte Denkschriften verfasst. Er scheint ein politisches Naturtalent gewesen zu sein. Aber können seine Gedanken junge Menschen heute noch interessieren?

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Teuteberg: Viele seiner Gedanken sind zeitlos. Seine Worte zeigen eine große Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit zugleich. Im Liberalismus sah er den konsequentesten Gegenentwurf zu den totalitären Vorstellungen des Marxismus und des gerade überwundenen Nationalsozialismus. So verteidigte er das Grundrecht auf Privateigentum als wichtig für eine demokratisch verfasste Gesellschaft. Das ist angesichts konzertierter Angriffe auf das Eigentum und der Diffamierung von Leistungsbereitschaft, Verantwortungsübernahme und Vermögensbildung sehr aktuell.

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WELT: Zusammen mit Esch wurden am 24. Juli 1951 zwei Freunde in Moskau erschossen. Andere hatten oft lange Haftstrafen abzusitzen, weitere hatten rechtzeitig in die Bundesrepublik flüchten können. Man hat den Eindruck, in der SBZ und frühen DDR war Liberalismus attraktiver als im Ostdeutschland des 21. Jahrhunderts…

Teuteberg: Damals war auf ganz andere Weise offensichtlich, dass Freiheit und Wohlstand nicht selbstverständlich sind, sondern errungen und erarbeitet werden müssen. Liberale fanden bei den ersten Wahlen in SBZ und früher DDR viel Rückhalt. Das galt auch für Christdemokraten – nicht zuletzt deshalb wurden die Länder und Landtage bald aufgelöst. Sozialdemokraten standen seit der Zwangsvereinigung mit der KPD zur SED 1946 gar nicht mehr eigenständig zur Wahl. Viele Menschen erkannten, dass die Unterdrückung Existenzbedingung des Sozialismus war und nicht nur ein vereinzelter Betriebsunfall.

WELT: Was kann, was sollte man Ihrer Meinung nach dagegen tun?

Teuteberg: Die Idee von Freiheit und Verantwortung wieder anziehend zu machen, ist eine gesamtdeutsche Aufgabe. An einem klaren Freiheitsbegriff festzuhalten erfordert, kollektivistischen Umdeutungen engagiert entgegenzutreten. Das Vertrauen in die Kraft der ständigen geistigen Auseinandersetzung gilt es als Liberale selbst zu leben und auszustrahlen. Und die moralische Qualität der Marktwirtschaft, ihre Leistungsfähigkeit, muss gegen die Romantisierung eines Reißbrettsozialismus, der noch nirgendwo in der Praxis funktioniert hat, verteidigt werden. Nur wer Leistung würdigt, macht Lust auf Verantwortung.

WELT: Laut Google gibt es drei Arno-Esch-Straßen in Deutschland; außerdem heißt das Hörsaal-Gebäude der Universität Rostock nach ihm. Reicht das nicht als Erinnerung?

Teuteberg: An Arno Esch wird bisher nur in Mecklenburg-Vorpommern erinnert. Das wird seiner nicht nur regionalen Bedeutung nicht gerecht – Martin-Luther-Straßen gibt es auch nicht nur in Wittenberg. Arno Esch und weitere geeignete Persönlichkeiten der Opposition gegen die SED-Diktatur sollten auch im Rahmen bundesweiter Benennungen von Straßen, Plätzen und z. B. Schulen im öffentlichen Raum gewürdigt werden. Eine gemeinsame Zukunft braucht ein gemeinsames Gedächtnis.

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WELT: Bei einer AfD-Veranstaltung Mitte Juli sollte die deutsche Nationalhymne gesungen werden – und dann sang man die DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“. Was haben Sie gedacht, als Sie davon hörten?

Teuteberg: Da treffen sich die Enden des Hufeisens. Auch wenn der Text ab Anfang der 1970er-Jahre in der DDR nicht mehr gesungen wurde, wegen der Zeile „Deutschland einig Vaterland“, war es bis zum Schluss die offizielle Hymne der DDR, komponiert und getextet von Kommunisten im Auftrag des SED-Regimes. Zum freiheitlichen Protestsong taugt es nicht.

WELT: Das war nicht die einzige geschichtspolitische Grenzüberschreitung bei diesem Wahlkampftermin…

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Teuteberg: … stimmt! Noch viel mehr beschäftigt hat mich die unsägliche Stauffenberg-Anspielung von Uwe Steimle, verbunden mit Gewaltfantasien gegen den Bundeskanzler. Demokratie und Freiheit diskreditieren, die SED-Diktatur verharmlosen, die DDR zu einem Friedensstaat verklären und den Aggressor Putin anhimmeln – nichts davon ist neu bei Herrn Steimle. Neu ist die mediale Aufmerksamkeit und Wahrnehmung. Er hat diese Positionen auch vertreten, als er früher bei PDS und Linkspartei war, die ihn in die Bundesversammlung entsandt haben.

WELT: Eine interessante Konstellation, oder?

Teuteberg: Ja, tatsächlich. Ostalgie und Hass auf den Westen – innerdeutsch und auch im übertragenen, ideengeschichtlichen Sinn – sind schon lange Markenzeichen von Steimle. Im Zusammenhang mit der Linken wurde derlei immer wieder als vermeintlich putzige Folklore abgetan. Die AfD erntet manches, wofür die PDS, die heutige Linke den Boden bereitet hat.

WELT: Was setzen Sie dagegen?

Teuteberg: Zu den Grundlagen einer innerlich gefestigten Demokratie gehört ein von der Gesellschaft getragener antitotalitärer Konsens. Nichts rechtfertigt Entmündigung und Unterdrückung von Menschen. Das Verhältnis zu politisch motivierter Gewalt und zum Gewaltmonopol des demokratischen Rechtsstaats ist der Lackmustest dafür. Und das ohne Rabatt für ein bestimmtes politisches Lager. Wir benötigen ein erneuertes gesamtdeutsches Ethos des Antitotalitarismus.

Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählt neben dem Nationalsozialismus die SED-Diktatur. Mit den deutschen Opfern sowjetischer Hinrichtungen in Moskau 1950 bis 1953 wie Arno Esch befasst er sich seit mehr als 20 Jahren.

Source – WELT De